Kerb

An diesem Wochenende findet in meinem Stadtteil die alljährliche Kerb (regionaler Ausdruck für Kirchweihe) statt.
Das war in früheren Zeiten das Wochenende, an dem für die Bediensteten auf den Höfen ihr ‚Arbeitsvertrag‘ endete und man neu verhandeln oder sich etwas ganz Neues suchen konnte.
Ich habe gerade mal ein bißchen über die regionalen Traditionen nachgelesen und bin ganz erstaunt was es da alles gibt.

Für mich bedeutet Kerb, dass von Freitag bis einschließlich Dienstag in der Ortsteilmitte Fahrgeschäfte wie Autoscooter, Schiffschaukeln und ein Karussell aufgebaut werden, man Lose kaufen, Zuckerwatte essen und allerlei anderen Süßkram kaufen kann.
Außerdem bekommen die Kinder Kerbgeld von den Erwachsenen, das sie gnadenlos für sinnloses und ungesundes Zeug auf den Kopf hauen dürfen.

Für die Erwachsenen gibt es rund um unsere Kerb einige Veranstaltungen. lokale Bands treten auf und das Wochenende wird von vielen Schuljahrgängen als fester Termin für ein alljährliches Klassentreffen genutzt.

Ich persönlich höre jedes Jahr aufs Neue die Geschichte, wie ich als knapp Zweijährige Zeter und Mordio geschrien habe, als meine Eltern mich aufs Karusell gesetzt haben 😆
Meine Schwester wird daran erinnernt, dass sie nach Kerb immer krank war, weil es traditionell bitterkalt ist oder regnet (wie dieses Jahr) und sie grundsätzlich trotzdem stundenlang Schiffschaukel fahren mußte, bis sie komplett durchweicht war oder blaue Finger hatte.
Ich liebe diese Erinnerungen und auch die Geschichten und Bilder, die es von meinen Eltern aus dieser Zeit gibt.
Vor allem von meinem Vater gibt es tolle Bilder, die ihn als jungen Kerl zeigen, als er Kerbborsch war.

Eine meiner ersten Erinnerunge an Kerb (an das Heulintermezzo auf dem Karussel kann ich mich – leider, leider – nicht mehr erinnern) ist, wie mein Papa und ich zusammen Autoscooter fahren.
Ich war ein ängstliches Kind, aber mit ihm hatte ich keine Angst.
Er war mein Sicherheitsnetz.
Und gerade wird mir bewußt, daß er das bis zuletzt war, auch alt und krank, aber in meinem Unterbewußtsein immer noch mein doppelter Boden…

Komisch, wie das Unterbewußtsein von uns Menschen arbeitet und was einem unverhofft wieder einfällt.
Gerade sehe ich meinen Papa vor mir, wie er zum letzten Mal eine Kerb besucht hat.
Das muss vor zwei oder drei Jahren gewesen sein.
Ich kann ihn vor mir sehen, wie er mit seinem Enkelsohn im Autoscooter sitzt und sie meine Schwester, die ihre Tochter als Beifahrer neben sich hat, rammen. Wie er sich diebisch darüber freut, wie seine blauen Augen funkeln und an dieses spezielle spitzbübische Lachen, das so viele Menschen, die es kannten, so gerne mochten.

Diese Erinnerung macht mich in diesem Moment traurig, aber ich glaube, wenn ich heute abend über unseren Kerbplatz laufe, mir Bekannte begegnen und ich den Autoscooter sehe, werde ich einfach froh darüber sein, dass ich diese Erinnerungen habe!

Und wer weiß, vielleicht kommen ja dem ein oder anderen Bekannten auch wieder Erinnerungen an meinen Vater in den Sinn, wenn sie mich sehen und so wird er nicht vergessen…

Habt alle ein schönes Wochenende und paßt auf euch auf!

Das Lied passend zum Thema Erinnerungen:
Memories are made of this von Dean Martin

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7 Antworten zu Kerb

  1. nettebuecherkiste schreibt:

    Huch, wo wohnst du denn? Bei uns im Saarland ist die Kirchweih auch die „Kerb“ 🙂
    Wünsche dir auch ein schönes Wochenende und dass du die Erinnerungen auf der Kerb genießen kannst!

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  2. Herba schreibt:

    Ich wohne in Südhessen…wieso dieser Ausdruck sowohl im Saarland als auch in dieser Gegend gebraucht wird, kann ich allerdings auch nicht erklären – Dialekte sind manchmal einfach komisch 😆

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  3. nettebuecherkiste schreibt:

    Hab aber auch schon festgestellt, dass das Hessische und das Saarländische sich etwas ähneln. Meine Schwester wohnt nördlich von Frankfurt 🙂

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  4. Herba schreibt:

    Hätte ich nie vermutet. Wirklich interessant!

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  5. Servetus schreibt:

    Südhessen? Eat some Tafelspitz mit grüner Soße for me … Happy Kerb.

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  6. Herba schreibt:

    Near Frankfurt. I don’t like grüne Soße that much, but I will think of you the next time it is on the menü – I promise 🙂

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  7. Pingback: Musik am Samstag, die Einundzwanzigste | Unkraut vergeht nicht….oder doch?

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